Konzept

Forschungsfragen

Die Symbolik der günstigen Gelegenheit ("Occasio") ist in der Frühen Neuzeit omnipräsent - ikonographisch dargestellt als junge Göttin, deren Schopfe man buchstäblich packen muss, um sie nicht zu verpassen. Wir erforschen, wie günstige Gelegenheiten als Element unterschiedlicher Handlungs- und Praxisbereiche zwischen 1500 und 1800 wahrgenommen, genutzt und medial dargestellt wurden, um ein neues "Zeitwissen" (Landwehr) zu verstehen, das darin schon vor der Sattelzeit in Europa ein Denken von Gegenwärtigkeit begründet.

Die Forschungsgruppe bündelt hierzu Perspektiven aus Romanistik, Latinistik, Germanistik, Komparatistik, Geschichtswissenschaft, Kunst- und Medizingeschichte. Ziel ist zum einen eine systematische und historische Rekonstruktion der sich dabei ergebenden semantischen Verschiebungen des Begriffs, zum anderen sollen ausgehend von der quellenbasierten Arbeit der Teilprojekte gängige wissenschafts- und forschungsgeschichtliche Masternarrative über die Verschiebung der "Zeithorizonte" (Koselleck) und die "funktionale Ausdifferenzierung" (Luhmann) problematisiert werden. 

Denn am Fokusbegriff der "Occasio" stellen sich für die Geschichts-, Geistes- und Lebenswissenschaften drängende Fragen: Wann münden Entscheidungs- und Handlungsdruck in eine zeitlich nahe Umsetzung? Unter welchen historischen Voraussetzungen werden Gelegenheiten zum Handeln wahrgenommen? Seit wann konstituiert sich auf dem Weg von der europäischen Vormoderne in die globalisierte Spätmoderne das Subjekt als gesellschaftlich wirksam, indem es sich als Akteur:in inszeniert, der:die eine einmalige Gelegenheit zu ergreifen weiß? Wie lassen sich Situationen, Praktiken und Medien der Gelegenheit im frühneuzeitlichen Europa untersuchen, um zugleich die analytischen Voraussetzungen des opportunen Handelns in Moderne und Gegenwart methodologisch fruchtbar zu machen?

Abbildungen: 

Girolamo da Carpi, Occasio e pazienza (1610), Palazzo dei Musei Modena (links)
Hans Holbein d.J., Druckerzeichen des Andreas Cratander (Basel 1533), Metallschnitt, 
Gutenberg-Museum Mainz (rechts oben)
Aegidius Sadeler, Occasio (1580-1600), Kupferstich, Rijksmuseum Amsterdam (rechts unten und Landing Page)

Occasio in der Frühen Neuzeit

Situationen

Situiertes Sprechen, Schreiben und Handeln in der Frühen Neuzeit ist als projektives Zeitkonzept zu denken. Die günstige Gelegenheit ist ein Zeitpunkt, der in seiner Prägnanz erkannt und mit Entschiedenheit ergriffen werden muss, damit das Handeln – oder auch das bewusste Nichthandeln bzw. die Verzögerung des Handelns – zum Erfolg führt. Verweist der Anlass auf ein topologisch geordnetes und somit vergangenheitsorientiertes Erfahrungswissen, so markiert die günstige Gelegenheit eine zukunftsorientierte Erwartungshaltung.

Abbildung: 

Marcantonio Raimondi, Allegorie der rechten Gelegenheit (1502-04), Kupferstich, Graphische Sammlung ETH Zürich

Praktiken

Nicht allein vormoderne Hinwendungen zum Individualismus begleiten die Geschichte des situierten Sprechens, Schreibens und Handelns, sondern auch neue überindividuelle Konstellationen und Strukturen. Konfessionelle Ausdifferenzierung, die Verdichtung von Herrschaft, die Herausbildung eines europäischen Mächtesystems und verstetigter diplomatischer Strukturen, die Erweiterung des Horizonts auf außereuropäische Kulturen und die sogenannte ‚wissenschaftliche Revolution‘ generieren ein Bewusstsein für künftige Handlungsoptionen. Insofern
eröffnen okkasionelle Praktiken in der Frühen Neuzeit auch neue Kommunikationsräume, in denen
sich Akteur:innen in wechselnden Konstellationen profilieren können.

Abbildung: 

Salviati, Kairos (1552-54), Fresko, Palazzo Ricci-Sacchetti, Rom

Medien

Der medienhistorische Transformationsprozess, der sich mit der Ausbreitung von Buchdruck und Druckgraphik abzeichnet, entfaltet eine neue Dynamik und Sichtbarkeit gelegenheitsbezogener Kreativität. Das gedruckte Buch bietet nicht nur einen Rahmen für Gelegenheitsliteratur und -kunst, sondern wird auch selbst zur "Occasio", wenn z.B. eine Neuerscheinung
weitere Text- und Bildbeigaben veranlasst. Die veränderten Verbreitungs- und Rezeptionsbedingungen
begünstigen insofern einen europaweiten Diskurs über die Gelegenheit und die überregionale Institutionalisierung von innovativen okkasionellen Praktiken.

Abbildung: 

Druckerzeichen des Nikolaus Basse (Frankfurt a.M. 1591), Holzschnitt, Gutenberg-Museum Mainz

©Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten.

 

 

 

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.