Das Fenster
zur Zukunft
"Allüberall ist die Rede davon, dass sich Zeitfenster öffnen oder schließen, und zwar so häufig, dass man eigentlich einen Zeitzug spüren müsste, weil sich doch wohl zwischen den geöffneten Zeitfenstern Zeitwinde entwickeln müssten." (Kurt Kister, Süddeutsche Zeitung, Nr. 127, Juni 2026)
Aber warum ist heute wieder so oft von den windows of opportunity die Rede und seit wann ist das in der europäischen Moderne der Fall?
Die interdisziplinäre Forschungsgruppe (Bonn, Baltimore, Kassel, Marburg, Mainz) untersucht seit 2020 an der Schnittstelle von Romanistik, Latinistik, Germanistik, Komparatistik, Geschichtswissenschaft, Kunst- und Medizingeschichte die Transformation der "günstigen Gelegenheit" in der Frühen Neuzeit (16.-18. Jhd.).
Forschungsfragen
Die Symbolik der "Occasio" ist in der Frühen Neuzeit omnipräsent - ikonographisch dargestellt als junge Frau, deren Schopfe man buchstäblich packen muss, um sie nicht zu verpassen. Wir erforschen, wie günstige Gelegenheiten als Element unterschiedlicher Handlungs- und Praxisbereiche zwischen 1500 und 1800 wahrgenommen, genutzt und medial dargestellt wurden, um ein neues "Zeitwissen" (Landwehr) zu verstehen, das darin schon vor der Sattelzeit in Europa ein Denken von Gegenwärtigkeit begründet.
Die Forschungsgruppe bündelt hierzu Perspektiven aus Romanistik, Latinistik, Germanistik, Komparatistik, Geschichtswissenschaft, Kunst- und Medizingeschichte. Ziel ist zum einen eine systematische und historische Rekonstruktion der sich dabei ergebenden semantischen Verschiebungen des Begriffs, zum anderen sollen ausgehend von der quellenbasierten Arbeit der Teilprojekte gängige wissenschafts- und forschungsgeschichtliche Masternarrative über die Verschiebung der "Zeithorizonte" (Koselleck) und die "funktionale Ausdifferenzierung" (Luhmann) problematisiert werden.
Denn am Fokusbegriff der "Occasio" stellen sich für die Geschichts-, Geistes- und Lebenswissenschaften drängende Fragen: Wann münden Entscheidungs- und Handlungsdruck in eine zeitlich nahe Umsetzung? Unter welchen historischen Voraussetzungen werden Gelegenheiten zum Handeln wahrgenommen? Seit wann konstituiert sich auf dem Weg von der europäischen Vormoderne in die globalisierte Spätmoderne das Subjekt als gesellschaftlich wirksam, indem es sich als Akteur:in inszeniert, der:die eine einmalige Gelegenheit beim Schopfe zu ergreifen weiß? Wie lassen sich Situationen, Praktiken und Medien der Gelegenheit im frühneuzeitlichen Europa untersuchen, um zugleich die analytischen Voraussetzungen des opportunen Handelns in Moderne und Gegenwart methodologisch fruchtbar zu machen?
Abbildungen:
Girolamo da Carpi, Occasio e pazienza (1610), Palazzo dei Musei Modena (links)
Hans Holbein d.J., Druckerzeichen des Andreas Cratander (Basel 1533), Metallschnitt,
Gutenberg-Museum Mainz (rechts oben)
Aegidius Sadeler, Occasio (1580-1600), Kupferstich, Rijksmuseum Amsterdam (rechts unten und Landing Page)



Veranstaltungen & Neuigkeiten
Hier erfahren Sie mehr über aktuelle Publikationen, Gastvorträge oder gemeinsame Veranstaltungen der Forschungsgruppe.

Ringvorlesung
Sommer 2026
Es waren oft die geopolitischen, konfessionellen oder demographischen Situationen einer praktisch gelebten Gegenwart, die ein neues Verständnis vom Handeln im günstigen Moment auslösen konnten. Okkasionelles Handeln und Handelnkönnen proliferieren mit den Chroniken der Eroberung des lateinamerikanischen Kontinents, in so unterschiedlichen Lebensbereichen wie dem barocken Theater, der Medizin, der Buchdruck- und Literatenkultur, sowie in der Sprache politischer Souveränität oder diplomatischer Raffinesse. Mit der Vorstellung einer neuen, subjektiv erfahrbaren Dringlichkeit, die sich vom Horizont einer christlich verbürgten Endzeit löst und auf das Hier und Jetzt konzentriert, verändern sich dabei auch gesellschaftlich dominante Zeitvorstellungen und kulturell geprägte Subjektivitätskonzepte. Die Ringvorlesung versammelt neue Beiträge zum Thema
Abbildung:
Gabriel Rollenhagen, Nucleus emblematum (1611), vol. I, Arnheim, Nr. 4 (Nachdruck hg. v. Carsten-Peter Warncke, Dortumund 1983, S. 19).

Vortrag von
Prof. Barbara Baert (KU Leuven)
CCT-Lecture 2025: Barbara Baert, international renommierte Expertin zur Ikonographie der "Occasio", spricht in Bonn und auf Einladung der Forschungsgruppe zum Thema "The Weeping Rock. Revisiting Niobe through Paragone, Pathosformel and Petrification".
11. Dezember 2025 um 18:00 Uhr c.t. in Seminarraum 10 (Rabinstraße 8, Erdgeschoss)
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Publikation
Sammelband
Die Beiträge des Bandes untersuchen die "Occasio" als wesentliches, bislang aber kaum interdisziplinär erforschtes Prinzip frühneuzeitlicher Kultur. Anlass und Gelegenheit fungieren dabei sowohl als realweltliche Impulse wie auch als textinterne Motoren kreativen Sprechens, Schreibens und Handelns. Ein praxeologisches Konzept der Occasio, das diese Aspekte bündelt, ermöglicht neue Perspektiven auf Situiertheit, formale Innovation und frühneuzeitliche Zeiterfahrung. Denn im Zusammenspiel von Situationen, Praktiken und Medien zeigt sich ein tiefgreifender Wandel: Die günstige Gelegenheit wird seit dem 16. Jahrhundert zunehmend als einmaliger, irreversibler Moment verstanden und ermöglicht damit in Europa ein Denken der Zeitlichkeit von Gegenwart, das fortan okkasionelle Kommunikationsformen prägt.
Occasio in der Frühen Neuzeit
Situationen
Situiertes Sprechen, Schreiben und Handeln in der Frühen Neuzeit ist als projektives Zeitkonzept zu denken. Die günstige Gelegenheit ist ein Zeitpunkt, der in seiner Prägnanz erkannt und mit Entschiedenheit ergriffen werden muss, damit das Handeln – oder auch das bewusste Nichthandeln bzw. die Verzögerung des Handelns – zum Erfolg führt. Verweist der Anlass auf ein topologisch geordnetes und somit vergangenheitsorientiertes Erfahrungswissen, so markiert die günstige Gelegenheit eine zukunftsorientierte Erwartungshaltung.
Abbildung:
Marcantonio Raimondi, Allegorie der rechten Gelegenheit (1502-04), Kupferstich, Graphische Sammlung ETH Zürich

Praktiken
Nicht allein vormoderne Hinwendungen zum Individualismus begleiten die Geschichte des situierten Sprechens, Schreibens und Handelns, sondern neue überindividuelle Konstellationen und Strukturen. Konfessionelle Ausdifferenzierung, die Verdichtung von Herrschaft, die Herausbildung eines europäischen Mächtesystems und verstetigter diplomatischer Strukturen, die Erweiterung des Horizonts auf außereuropäische Kulturen und die sogenannte ‚wissenschaftliche Revolution‘ generieren ein Bewusstsein für künftige Handlungsoptionen. Insofern
eröffnen okkasionelle Praktiken in der Frühen Neuzeit auch neue Kommunikationsräume, in denen
sich Akteur:innen in wechselnden Konstellationen profilieren können.
Abbildung:
Salviati, Kairos (1552-54), Fresko, Palazzo Ricci-Sacchetti, Rom

Medien
Der medienhistorische Transformationsprozess, der sich mit der Ausbreitung von Buchdruck und Druckgraphik abzeichnet, entfaltet eine neue Dynamik und Sichtbarkeit gelegenheitsbezogener Kreativität. Das gedruckte Buch bietet nicht nur einen Rahmen für Gelegenheitsliteratur und -kunst, sondern wird auch selbst zur "Occasio", wenn z.B. eine Neuerscheinung
weitere Text- und Bildbeigaben veranlasst. Die veränderten Verbreitungs- und Rezeptionsbedingungen
begünstigen insofern einen europaweiten Diskurs über die Gelegenheit und die überregionale Institutionalisierung von innovativen okkasionellen Praktiken.
Abbildung:
Druckerzeichen des Nikolaus Basse (Frankfurt a.M. 1591), Holzschnitt, Gutenberg-Museum Mainz

Kontakt
Sprecherin:
Prof. Karin Peters
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Institut VII, Abteilung für Romanische Philologie
Rabinstraße 8
53111 Bonn
Telefon: +49-229-73-82027
E-Mail: petersk@uni-bonn.de